20 Fragen an … Corinne Teyssedou, Heilpraktikerin

In der Rubrik "Frauen für Frauen" möchten wir dir inspirierende Frauen vorstellen, die spannende Produkte und Services für andere Frauen anbieten. Mit 20 Fragen spüren wir ihrem Arbeitsalltag nach, lassen uns Tipps geben und sammeln Inspirationen. Dieses Mal haben wir mit der beeindruckenden Corinne Teyssedou aus Berlin gesprochen, der ersten blinden Heilpraktikerin, Gesundheitstherapeutin und Masseurin speziell für Frauen in Deutschland.

Corinne Tyssedou

1. Liebe Corinne, du arbeitest als Heilpraktikerin für Frauen in Berlin. Was genau bietest du an?

In erster Linie biete ich einen geschützten Raum mit mir als Zuhörerin und Helferin bei Problemerkennung und-lösung an. Das können gesundheitliche Probleme genauso sein wie seelische, wobei ich diese Bereiche nicht gerne trenne. Jedes körperliche Symptom hat auch seine Entsprechung auf der seelischen Ebene und umgekehrt. Der Weg diese Fragen anzugehen, ist dann ganz individuell, geht aber meist über Berührung, Massage, ein gutes Gespräch und/oder meine kleinen Helferchen den Pflanzen und ihren ätherischen Ölen.

2. Welche Frauen kommen typischerweise zu dir in die Praxis und mit welchen Themen beschäftigst du dich mit ihnen?

Das ist eine schwierige Frage. Da für mich jede Geschichte, jede Frau mit all ihren Fassetten etwas ganz Besonderes ist, kann ich so etwas wie „typisch“ gar nicht herausfiltern. Frauen jedes Alters kommen zu mir, meine jüngste Patientin ist derzeit 3 Jahre jung und meine älteste 83 Jahre. Ich habe Frauen die viel Redebedarf haben, aber auch Frauen die einfach nur Schweigen möchten. Die Gründe für das Kommen meiner Patientinnen reichen von Entspannung bis hin zu schwerer Krebserkrankung. Das Gemeinsame ist vermutlich bei allen Frauen, dass sie eine intuitive und etwas verrückte Herangehensweise an ihre Bedürfnisse suchen, irgendwie weg vom „Normalen“. Und typisch für mich ist, dass ich neugierig bin auf jede dieser Frauen, auf ihre Geschichte, ihre Art mit ihren spezifischen Belastungen umzugehen und dass jede mir etwas anderes beibringen kann.

3. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Morgens gegen 8:45 Uhr komme ich in meine Praxis und spreche erst einmal die wichtigsten Dinge mit meiner Arbeitsassistentin ab. Das sind z.B. Termine, Einkäufe, eben alles was heute zu tun ist. Meist kommt die erste Patientin gegen 9:30 Uhr. Dann schalte ich weg von mir und bin für diese Stunde alleine für meine Patientin da. Ich versuche immer mindestens 30 Minuten frei zu haben zwischen meinen Terminen. Das ist aus praktischen Gründen schon wichtig, weil ja einfach aufgeräumt und geputzt werden muss, aber auch weil ich mich „verabschieden“ muss von der Geschichte der vorherigen Patientin, um offen zu sein für die nächste Geschichte. Dazwischen hab ich aber auch eine Stunde, um mit meinem Hund rauszugehen und einfach nur an mich und Chanel zu denken. Mein normaler Arbeitstag geht bis ca.19:30 Uhr. In dieser Zeit habe ich meist so 5 Patientinnen pro Tag.

4. Mit welchem “Handwerkszeug” arbeitest du?

Mein wichtigstes Werkzeug sind meine Hände – mit ihnen kann ich trösten, tasten, massieren, schröpfen oder einfach nur halten. Sie sind meine Augen und mein Weg zur Unterstützung von Heilung. Dazu kommen meine Ohren und meine Neugierde, Bewunderung und Mitgefühl – ich sage ganz bewusst nicht Mitleid, denn ich leide nie mit – ich fühle mit, bewundere die Weisheit des Körpers und der Seele, aber ich würde mir nie anmaßen, das Leid einer anderen Frau mittragen zu können. Das ist dermaßen individuell und ich kann dann nur für eine Wegstrecke deren Krücke sein, auf die sie sich stützen.

5. Welchen Weg bist du bisher gegangen, um als Heilpraktikerin arbeiten zu können?

Ich war noch nie eine Frau der geraden Wege. Eigentlich laufe ich lieber kreuz und quer und so verlief auch mein Weg zur Heilpraktikerin über viele gewundene Pfade.

Ich wollte als Kind erst Medizin, dann Innenarchitektur studieren, dann doch lieber Pilotin werden und dann die Kombination als „Flying Doctor“ nach Australien gehen. Aber die Diagnose Retinopathia Pigmentosa und die Aussicht blind zu werden hat das alles Zunichte gemacht.

Also wollte ich in den diplomatischen Dienst, was an meiner Unfähigkeit den Mund zu halten im Angesicht krasser Ungerechtigkeiten, scheiterte. Also versuchte ich mich nach meinem Studium in Soziologie und Nord-Amerika-Studien am Journalismus. Doch das verlor seinen Reiz schnell schon allein dadurch, dass Blinde in diesem Bereich kaum eine Chance haben etwas Sinnvolles zu tun.

Nach über 300 Bewerbungen und immer dem gleichen Satz „Wir können uns nicht vorstellen, wie eine Blinde diese Aufgabe ausfüllen soll“, bin ich zurück zur Medizin und in die Selbstständigkeit. Natürlich wieder mit ein paar Umwegen - diesmal durch die Gerichtsinstanzen - weil auch hier wieder meine Blindheit im Wege stand. Aber schlussendlich hab ich vor dem Bundesverwaltungsgericht gewonnen und beweise jetzt vor allem mir selbst, dass ich „diese Aufgabe als Blinde gut ausfüllen kann.

6. Gab es einen besonderen Grund oder Anlass, der dich bewegt hat, Heilpraktikerin zu werden?

Selbstbestimmung, das war der ausschlaggebende Grund Heilpraktikerin zu werden. Ich glaube ganz fest daran, dass wir soweit möglich selbstbestimmt leben sollten, um gesund und glücklich zu bleiben. Ich wollte für mich einen Beruf, in dem ich aus mir selbst heraus meinen Arbeitsplatz schaffen sowie anderen helfen kann und dabei weder mich, noch andere zu etwas zwingen muss.

Die Naturheilkunde bietet dem Körper und der Seele Hilfen an, sich selbst zu heilen, aber wie Heilung aussieht, was angenommen wird und was nicht, bleibt selbstbestimmt.

Meine Arbeit ist meine Stütze für meine Seele und ich hoffe genau das kann ich dann auch für andere sein, damit sie wieder aufrecht gehen können.

7. Welche Fähigkeiten und Voraussetzungen braucht man deiner Meinung nach, um als Heilpraktikerin für Frauen arbeiten zu können?

Man braucht ein gesundes Maß an Selbstliebe, um sich im Angesicht der Nöte anderer Frauen abgrenzen und hochhalten zu können, eine riesen Portion Respekt vor dem Leben und vor den Fähigkeiten und Kräften in uns Frauen. Auch braucht man viel Empathie und Neugierde, um sich mit auf die Wege der Patientinnen einzulassen und unbedingt Freude am Lernen, denn es gibt keinen Tag an dem ich nicht lerne (neue Krankheiten, neue Heilmethoden, neue Facetten des Lebens usw.).

8. Arbeitest du in einem Netzwerk oder eher allein? Wenn in einem Netzwerk, wer gehört typischerweise dazu?

Ich bin davon überzeugt, dass ein selbstbestimmtes Leben nur in einer Gruppe möglich ist. Nur wenn es möglich ist, mich auch mal fallen zu lassen, kann ich auch stützen und gerade stehen. Mein Netzwerk ist sehr vielfältig. Im engsten Kreis um mich herum steht natürlich meine Frau, aber auch meine Schwester. Das sind die Personen, die all meine Stärken und Macken kennen und vor denen ich nicht schauspielern kann oder muss. Der nächste Kreis sind meine guten Freundinnen, die mich vor allem in meinem Wesen stützen und voranbringen. Dann habe ich einen super guten Kreis von Kolleginnen mit denen ich online oder auch persönlich in Kontakt stehe, die mich beruflich unterstützen und von denen ich ständig lerne. Nicht zuletzt habe ich meine Lehrerinnen, z.B. eine homöopathische Heilpraktikerin, die meine Supervisorin ist oder einen buddhistischen Mönch, der vor allem meine Seele wachsen lässt.

9. Was bereitet dir an deiner Arbeit als Heilpraktikerin am meisten Freude?

Gebraucht zu werden! Ich brauche als behinderte Frau immer wieder auch im Alltag Hilfe und das nagt schon manchmal an meinem Selbstwertgefühl. Da tut es ehrlich gut, etwas zurückgeben zu können und gebraucht zu werden. Abgesehen davon ist meine größte Freude das Lernen, ich lerne täglich den menschlichen Körper besser kennen und seine Fähigkeit zur Adaption zu bewundern. Ich darf jeden Tag in andere Lebenswelten mit-eintauchen und Geschichte anders erleben, Frauen aus anderen Ländern, anderen Schichten, anderen Zeiten usw. Jede bringt mir etwas bei, stillt meine Neugierde auf das Leben ein wenig und macht mich gleichzeitig demütig angesichts all des Leids und all der Kraft, die ich erfahren darf.

10. Was ist das schönste Erlebnis, das du bisher bei deiner Arbeit erlebt hast?

Vor zwei Jahren bekam ich einen Anruf im Urlaub, dass eine meiner Patientinnen schwerstkrank im Krankenhaus liegt. Die Nachricht war nicht schön, aber die Tatsache, dass ihr Mann - ein Schulmediziner - über seinen Schatten gesprungen war und mich angerufen hat. In den folgenden Wochen hat er mir sein Vertrauen geschenkt, seine Meinung über Heilpraktikerinnen revidiert und ist so weit gegangen, dass er sich für seine Vorurteile entschuldigt hat. So viel Größe und Ehrlichkeit hat mich zu tiefst gerührt.

11. Welche Herausforderungen begegnen dir häufig im Arbeitsalltag? Und wie kommst du mit ihnen klar?

Es gibt ganz praktische Herausforderungen im täglichen Arbeitsalltag wie nur halb-geöffnete Türen, die ich nicht taste und dann dagegen laufe. Bei so etwas ärgere ich mich kurz und dann geht’s weiter. Ich bin echt schon ein Profi geworden im „Beulen verdecken“. Dann gibt es die bürokratischen Herausforderungen, wie das Herumschlagen mit den Behörden. Das sind Dinge, da bin ich froh eine Arbeitsassistentin zu haben, die aus dem Rechtsanwaltsbereich kommt und die Ruhe bewahrt. Mich regt das nur auf und ich brauche sehr viel Zeit, um wieder ruhig zu reagieren. Dagegen sind die Herausforderungen meiner Arbeit mit meinen Patientinnen für mich nicht „aufregend“. Es erfordert ständiges Lernen und sich anpassen, aber das macht mir ja Freude und ich verstehe den Sinn darin. Wirklich schwer ist es für mich zu ertragen, wenn Frauen die Kraft nicht finden sich zu bewegen, ihr Leben so zu ändern, dass es ihnen besser geht. Und doch ist das ihr Recht. Jede hat das Recht auch mal stehen zu bleiben, auch im Leid zu verharren. Das erfordert von mir die größte Anstrengung, da Geduld nicht zu meinen größten Stärken gehört.

12. Was war das schwierigste Erlebnis, das du bisher in deinem Beruf erlebt hast?

Eine Freundin, zugleich als Heilpraktikerin und als Freundin durch ihre Krebszeit zu begleiten bis zu ihrem Tod. Nicht das Sterben selbst war für mich sehr schwierig, sondern ihre absolute Passivität und ihr Fatalismus. Sie hat sich in ihr Schicksal ergeben, alles ohne zu hinterfragen akzeptiert. Mein Credo ist selbstbestimmtes Leben, ich durfte also nicht einschreiten. Es war ihr Weg damit umzugehen, sie hat einen Weg gewählt, der diametral entgegengesetzt war zu meiner Lebenseinstellung. Das mitzutragen war das absolut Schwerste.

13. Mit welchen drei Worten würdest du deine Arbeit spontan beschreiben?

Fühlen, Lernen, Energie

14. Was sind deine Tipps und Tricks für Frauen, die sich gerade ermattet, müde und gestresst fühlen?

Als erstes mistet die eigenen Anforderungen an Euch selbst aus! Der meiste Druck kommt aus uns selbst heraus. Das Wort „MÜSSEN“ streichen – ersatzlos! Wenn die Last auf dieser Seite schon etwas gemildert wurde, dann geht’s an den restlichen Ballast, leichteres Essen, d.h. lecker, viel Gemüse und nicht zu kompliziert und dazu Zeit, um es zu genießen. Es kommt nicht nur darauf an was wir essen sondern wie wir essen! Der dritte Tipp ist, LOSLASSEN. Meist sind wir so erschöpft, weil wir ständig unter Spannung stehen und es dann fast unmöglich ist, für die nächste Aufgabe noch mehr Spannung aufzubauen. Also erst einmal Loslassen! Für die eine geht das am Besten mit Tanz oder Sport, für die nächste in der Badewanne und die dritte braucht ein gutes Buch. Auf jeden Fall nicht ungesunde Hilfsmittel zum Entspannen nehmen, Alkohol & Co schlucken mehr Kraft, als sie geben.

15. Welche Bücher, Filme oder Websites kannst du besonders empfehlen?

Meine Lieblingsfilme sind immer noch „Grüne Tomaten“ und „My Mother Frank“ –beides Filme über weibliche Energie und Kraft. Ganz besonders tolle Bücher sind David Neels Beschreibung ihrer Reise nach Lasa, ein Buch das zeigt, wie weit Frauen kommen können, wenn sie es sich nur wirklich in den Kopf setzen es zu schaffen. Und Terry Pratchett „Das Licht der Fantasie“; ein zauberhaftes Buch über Hexen und Zauberinnen; Internetseiten, die ich sehr empfehlen kann wären z.B. www.netzwerk-frauengesundheit.com

16. Was tust du selbst, um immer wieder in deiner weiblichen Kraft zu bleiben?

Tango tanzen, mein Tara Mantra singen, mich mit starken und lebenslustigen Frauen umgeben, mit meiner Hündin Chanel spazieren gehen und lesen – am liebsten Biographien und Reiseberichte, die mich entführen in eine andere Zeit und Welt.

17. Wie kommt es, dass du ausgerechnet in Berlin lebst und arbeitest?

Ganz praktisch ist es für jemanden mit einer Sehbehinderung relativ einfach in Berlin selbstbestimmt zu leben. Viele Gehwege haben mittig größere Platten, rechts und links davon Kopfsteinpflaster, eine ganz fantastische Orientierungshilfe mit dem Blindenstock. Dazu das wirklich gute Netz an öffentlichem Nahverkehr.

Emotional weil Berlin vielfältig ist, viele verschiedene Nationalitäten, Sprachen, Lebenskonzepte, Lebenseinstellungen, Religionen usw. hat. Hier wird Frau nie langweilig und irgendwie gehört Frau immer dazu, ohne dazugehören zu müssen.

18. Was gefällt dir an Berlin in Bezug auf deine Arbeit besonders gut?

Die Menschen in Berlin sind es gewohnt, dass nicht alles „normal“ abläuft, sie schätzen es sogar, wenn Frau anders ist. Hier kann ich ich selbst bleiben, muss nicht um als Heilpraktikerin ernst genommen zu werden, weiße Kittel tragen. Zudem sind die Menschen in Berlin sehr mobil, so muss ich meinen Patientinnenstamm nicht aus meiner unmittelbaren Umgebung „rekrutieren“. Ich hab sogar das Glück, auch mal einfach eine Touristin zu behandeln!

19. Was wünschst du dir für die Zukunft deiner Arbeit als Heilpraktikerin?

Weniger Misstrauen und Argwohn von der schulmedizinischen Seite. Mehr Kooperation zwischen allen, an der Gesundheit der Menschen Beteiligten. Ein größeres Augenmerk auf die besonderen Bedürfnisse und Problemstellungen von Frauen im Bereich Gesundheit. Und natürlich mehr Inklusion von Menschen, die von der Norm abweichen, egal ob durch eine Behinderung, ein anderes Lebenskonzept oder schlicht durch ihr Aussehen.

20. Welche Botschaft möchtest du abschließend noch an unsere Leserinnen richten?

Freut Euch jeden Tag an eurem Körper, Eurem Geist und Eurer Seele! Wir haben ein so unendlich schönes, wertvolles und kluges System Leben geliehen bekommen – wir sollten es voller Respekt und Freude annehmen!

Corinne Teyssedou Berlin

Herzlichen Dank, liebe Corinne und weiterhin viel Erfolg mit deiner Praxis!

http://www.najmah.de


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